Wort·Stunde

Zehn Minuten Deutsch, jeden Tag

Lesestunde

Kurze Texte aus dem echten Leben

Keine extra erfundene Klassenzimmer-Geschichten. Nur Sachen, die passieren, wenn man in Deutschland lebt – aufgelockert mit einer kleinen Wortliste darunter.

An der Kasse

Ich stehe beim Rewe und habe kein Kleingeld dabei. Vor mir eine Dame mit einem Blumenstrauß, dessen Blumen beim dritten Anlauf wieder kippen. Sie richtet sie zurecht und sagt zur Kassiererin: „Die liegen Ihnen nicht im Weg?“ – „Nein, gerne“, sagt die Kassiererin mit einer Stimme, die seit ungefähr zwanzig Jahren anwesend ist und unglaublich geduldig bleiben muss.

Ich habe die Karte eingesteckt und bin rausgegangen, und draußen war plötzlich ein schönes Licht über dem Parkplatz. Warum erzähle ich das? – Weil ich vor drei Jahren in derselben Situation kein einziges Wort verstanden habe.

— Jonas

Wörter aus dem Text
  • das Kleingeld – Bargeld in kleinen Stücken
  • anwesend – da, im Raum
  • geduldig – bereit zu warten, ohne zu nörgeln
Die Kasse und ein Blumenstrauß
An der Kasse, ungefähr so

Die Deutsche Bahn und ich

Der Zug kam an, und auf der Anzeigetafel stand: „Fährt heute leider nicht.“ Punkt. Kein „Warum“. Kein „Wohin stattdessen“. Nur ein leider als Beigabe – als ob die Leere des Bahnsteigs selbst schon genug Entschuldigung wäre.

Im Zug daneben saß ein Herr und rief jemanden an: „Nein, du kommst rechtzeitig, du bist nur zu spät.“ Ich habe eine Weile nachgedacht, ob das tröstlich oder unmoralisch war.

— Lena

Wörter aus dem Text
  • die Anzeigetafel – die Tafel am Bahnsteig
  • die Beigabe – etwas, was mitgeliefert wird, meist klein
  • rechtzeitig – mit genug Zeit
Der Zug und die Anzeigetafel
Die Anzeigetafel war ehrlich
Kleiner Tipp

Lesetexte nicht zweimal hintereinander lesen. Erst einmal – und dann wieder in drei Tagen. Der Kopf sortiert Texte im Schlaf, dass oft mehr bleibt, als man merkt.