Lesestunde
Kurze Texte aus dem echten Leben
Keine extra erfundene Klassenzimmer-Geschichten. Nur Sachen,
die passieren, wenn man in Deutschland lebt – aufgelockert mit einer kleinen
Wortliste darunter.
Text 1 · von Jonas · 9. August 2026
An der Kasse
Ich stehe beim Rewe und habe kein Kleingeld dabei.
Vor mir eine Dame mit einem Blumenstrauß, dessen Blumen beim dritten Anlauf
wieder kippen. Sie richtet sie zurecht und sagt zur Kassiererin:
„Die liegen Ihnen nicht im Weg?“ – „Nein, gerne“, sagt die Kassiererin
mit einer Stimme, die seit ungefähr zwanzig Jahren anwesend
ist und unglaublich geduldig bleiben muss.
Ich habe die Karte eingesteckt und bin rausgegangen, und draußen war
plötzlich ein schönes Licht über dem Parkplatz. Warum erzähle ich das?
– Weil ich vor drei Jahren in derselben Situation kein einziges Wort
verstanden habe.
— Jonas
Wörter aus dem Text
- das Kleingeld – Bargeld in kleinen Stücken
- anwesend – da, im Raum
- geduldig – bereit zu warten, ohne zu nörgeln
An der Kasse, ungefähr so
Text 2 · von Lena · 23. September 2026
Die Deutsche Bahn und ich
Der Zug kam an, und auf der Anzeigetafel stand: „Fährt heute leider nicht.“
Punkt. Kein „Warum“. Kein „Wohin stattdessen“. Nur ein leider als
Beigabe – als ob die Leere des Bahnsteigs selbst schon genug Entschuldigung
wäre.
Im Zug daneben saß ein Herr und rief jemanden an: „Nein, du kommst
rechtzeitig, du bist nur zu spät.“ Ich habe eine Weile nachgedacht, ob das
tröstlich oder unmoralisch war.
— Lena
Wörter aus dem Text
- die Anzeigetafel – die Tafel am Bahnsteig
- die Beigabe – etwas, was mitgeliefert wird, meist klein
- rechtzeitig – mit genug Zeit
Die Anzeigetafel war ehrlich
Kleiner Tipp
Lesetexte nicht zweimal hintereinander lesen. Erst einmal – und dann
wieder in drei Tagen. Der Kopf sortiert Texte im Schlaf, dass oft mehr
bleibt, als man merkt.